500 Jahre Prophezey – Ein halbes Jahrtausend Wissenschaft in Zürich
Offiziell feiert die UZH in ein paar Jahren erst ihren 200. Geburtstag. Begonnen hat alles aber schon viel früher: Im Jahr 1525 legte eine Gruppe Gelehrter um Reformator Huldrych Zwingli mit der Gründung der «Prophezey» einen der Grundsteine für die höhere Bildung in Zürich. Es ging ihnen dabei nicht etwa um das Voraussagen der Zukunft, sondern darum, in einer Art «Übersetzungs-Workshops» das Wort Gottes in seiner ursprünglichen Sprachgestalt zu entschlüsseln und so seine Bedeutung für die gegenwärtige Situation zu erschliessen. Von diesen Anfängen bis zur Gründung der Universität Zürich 1833 war es ein weiter Weg, auf dem nicht nur das inhaltliche Angebot nach und nach ausgebaut wurde, sondern auch die geschickte Personalpolitik Zwinglis und seiner Nachfolger eine grosse Rolle spielte. Dass die internationale akademische Prominenz trotz der Gefahr eines – gar tödlichen! – «Burnouts» nach Zürich kam, lag vor allem auch am lieben Geld.
Von Tobias Jammerthal
Artikel aus dem Magazin facultativ 2025
Die Geschichte des akademischen Vorlesungsbetriebs in Zürich beginnt – eigentlich vor der ersten Vorlesung und damit auch vor dem Datum, das 2025 gefeiert wird. Es ist ein Satz in einer Vereinbarung zwischen dem Zürcher Rat und dem Chorherrenstift zum Grossmünster, der reichsten religiösen Institution des gesamten Bistums Konstanz. Eng mit den Zürcher Eliten verflochten, waren die Chorherren doch auch immer Konkurrenten der Ratsherren gewesen, denn das Grossmünsterstift genoss eine Reihe von Privilegien.
Seit 1519 war dieses ebenso altehrwürdige wie konfliktträchtige Arrangement zunehmend unter Druck geraten. Es war ausgerechnet der Leutpriester (Gemeindeseelsorger) des Grossmünsters selbst, dessen Predigten bei immer mehr Untertanen des Grossmünsterstifts Zweifel daran weckten, ob die Abgabenzahlungen an das Stift in der bisherigen Form recht und billig seien. Und es blieb nicht bei Zweifeln: Immer mehr Bauern bezahlten ihre Abgaben einfach nicht mehr. Alles Zureden und alle Drohungen der Chorherren halfen nicht – und selbst ein päpstliches Mandat, das die Chorherren erwirkten, verpuffte wirkungslos, denn auch das Ansehen des Papstes hatte durch die Predigten jenes Leutpriesters am Grossmünster mit Namen Huldrych Zwingli gelitten. Diese Situation war wirtschaftlich bedrohlich: Von den Abgaben der zahlreichen Bauerndörfer vor allem an der heute sogenannten «Goldküste» des Zürichsees galt es, 24 Chorherren, 32 Kapläne, die Lateinschule und ihren Schulmeister, das musikalische und das Verwaltungspersonal zu bezahlen und überdies die laufenden Kosten eines aufwändigen liturgischen Betriebs, zu dem unter anderem die bei Pilgern beliebten Gräber von Felix und Regula gehörten, zu bestreiten. Nach und nach reifte unter den Chorherren die Einsicht, dass nur echte Reformen dazu führen würden, das Vertrauen in die eigene Institution wiederherzustellen und damit auch die Zahlungsmoral der Abgabenzahler wieder zu verbessern. So erarbeitete eine Kommission gemeinsam mit Vertretern des Rates ein Reformprogramm, das am 29. September 1523 vom Rat und bald darauf auch vom Grossmünsterstiftskapitel verabschiedet wurde: Bestimmte kirchliche Dienstleistungen wurden für die Abgabenzahler nun gebührenfrei, die seelsorgliche Betreuung der Gemeinden sollte verbessert werden – und man versprach etwas, das es so in der Geschichte Zürichs noch nicht gegeben hatte: